Wirkstatt Eifel: Wachsen und wach sein

Tag 1 unseres Erdfests: mit der Bergkraft und dem Bergabbau in Verbindung treten. Foto: Marie-Rose Fritz
Tag 1 unseres Erdfests: mit der Bergkraft und dem Bergabbau in Verbindung treten. Foto: Marie-Rose Fritz

Unser Erdfest, ausgerichtet von einer eigens dafür geschaffenen Projektgruppe der Wirkstatt Eifel, erstreckte sich über alle drei Erdfest-Tage. Hier das gesamte Programm.

Im Folgenden einige der im Erdfest-Prozess gewonnenen) Impressionen und Reflexionen.
(zu Tag 1, zu Tag 2, zu Tag 3, zu einer weiteren Reflexion, zu den Fotos)

Tag 1
Nachlese von Lydia Schend

»Als Auftakt des Erdfests besuchten wir vor dem Hintergrund des industriellen Basaltabbaus in der Eifel am 22. Juni zwei Vulkanberge. Um die 15 Personen waren unserer Einladung gefolgt. Der Feuerberg wird gerade abgebaut, verschwindet, der andere (Mühlenberg) ist im Prozess der Heilung. Mit achtsamen Erforschen wollten wir nachspüren: Was geschieht mit der Erde? Mit uns?

Zuerst schauten wir in das Loch im Feuerberg, der gerade abgebaut wird und an eine wachsende Mondlandschaft erinnert. Zehn Minuten lang standen wir schweigend in heftigem Wind am Grubenrand, schauten in der aufgerissenen Erde den Baggern und Lastwagen zu, die ihr Werk verrichteten, ließen die Blicke über die Höhen oder zu den Wildblumen schweifen, die um uns blühten. Nach der Stille gaben wir spontan Worte in den Raum. Viele kreisten um die Kraft der Erde und drückten die Hoffnung oder den Glauben aus, dass die Erde sich heilt, dass sie sehr stark ist. Ich fragte mich: Wie fühlt die Erde? Fühlt sie Schmerz? Fühlen wir mit ihr?

Dann besuchten wir den nahen Mühlenberg, wo der Abbau ausgeweitet werden soll, es neben einem aktiven auch einen still gelegten Steinbruch gibt, der sich nach Jahren der Ruhe in ein paradiesisches Biotop entwickelt hat. Wir gingen in den Steinbruch hinab, fanden uns dort quasi in der Erde wieder, die Wolken waren aufgebrochen, die Espen und Buchen rauschten im Wind. Einige legten sich spontan auf die sonnige Erde und gaben sich dem Zauber des Ortes hin. Wieder blieben wir zehn Minuten in Stille. Ich streifte umher, erfreute mich an Königskerzen und Zitterpappeln, sah den Kaulquappen zu, die sich in den kleinen Tümpeln tummelten, zog weiter zu den Basaltwänden des gewaltigen Kraters. Mit den Händen betastete ich das warme Gestein und lehnte mich mit dem Rücken ganz an. So verharrte ich, atmend, spürend, bis ich tief unten im Bauch ein Art Klopfen wahrnahm, rhythmisch, an eine Trommel erinnernd, im Einklang. Das war völlig unerwartet – und machte mir vieles bewusst.

Wieder teilten wir unsere Erfahrungen, die Worte in der großen Runde kreisten um Kraft, Schönheit, Dankbarkeit, Frieden, Liebe, Eingebundensein. Das Herz, das mit der Erde für die Erde schlägt.«
 

Tag 2
Nachlese von Nadine Conrad

»›Die Erde fließt mit uns‹ – diese Worte sprudelten aus dem Mund meiner 2-jährigen Tochter Marie, als wir am ersten Erdfest-Tag gemeinschaftlich neben der Grube am Feuerberg in der Vulkaneifel standen und dem Nachklang unserer individuellen Wahrnehmungen lauschten. Sie stehen für mich über allem, was in den Tagen um das Erdfest in Dockweiler geschah und noch immer geschieht.

›Man kann nur das schützen, was man liebt. Lieben kann man nur, was man kennt‹, so eine gern zitierte Einsicht. Wie aber kommt der Mensch in liebevolle Verbindung mit der Welt, die ihn nährt, trägt und umgibt, ihm Lebensgrundlage ist?

Meine Antwort: Wenn ich mir die Welt vertraut mache, sie beobachte, sie anfasse, mich berühren lasse, kommuniziere, dann möchte ich sie schützen und beschützen.

So kam es, dass ich, unterstützt von den beiden Imkerinnen Hannah Bicker, Gal Rothman und deren Lebenspartnern mit dem Bien in Beziehung trat. Ergreifend, lebensfroh und lebendig war die Vorbereitungszeit. Die vier machten das Erdfest ebenfalls zu ihrer Herzensangelegenheit. Nach mehreren gemeinsamen Abenden und Teestunden war klar: Wir wandern mit den Gästen des Erdfestes am Samstag einen ›Bienenschatzweg‹:

Ein kleines Beutelchen, gefertigt aus alter Bettwäsche und Jalousierollgurten, zeigte uns wie ein roter Faden den Weg. Es füllte sich Station für Station (insgesamt fünf) mit den Schätzen, die der Imker dem Bien im Laufe des Jahres entlockt:

•    eine Bienenwachskerze – Symbol für Licht und Wärme

•    flüssiges Propolis und Lippenbalsam – Vertreter heilkräftiger Produkte

•    ein kleines Gläschen Honig – flüssiges Gold – Biene als Honigmacherin

•    vielfältiges Obst, selbstgemachte Honigriegel und -brote – Verdeutlichen der Artenvielfalt, Beitrag zu unserer Ernährung, Fülle des Lebens

•    ein Bienenstock im gemeinschaftlich bewirtschafteten Gemüsegarten – Erleben dieses Superorganismus

Fühlen, schmecken, riechen, sehen, hören … mit allen Sinnen konnten wir uns dem Sein der Biene in seiner ganzen Vielfalt annähern, uns diese kleinen wunderbaren Tiere ein wenig vertrauter machen. Dabei wurde erfahrbar, wie eng die Existenz der Biene und des Menschen auf dem Erdenrund miteinander verknüpft sind.

Instinktiv erkennt das Tier, welche Aufgabe es zu welcher Zeit im Zusammenleben des Stockes erfüllt. Es sucht nicht nach dem Sinn des Lebens. Der ist ihm zu jeder Zeit klar.

Da standen wir nun mit unserem prall gefüllten Beutel und lauschten diesem Gedicht von Joachim Ringelnatz:

Schenken

Schenke groß und klein,
aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten
die Gaben wiegen,
sei dein Gewissen rein.

Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei,
was in dir wohnt
an Meinung, Geschmack und Humor,
so dass die eigene Freude zuvor
dich reichlich belohnt.

Schenke mit Geist, ohne List.
Sei eingedenk,
dass dein Geschenk
du selber bist.

Ein großes Anliegen war uns auch, den nun reich beschenkten Besucher*innen unseres Workshops die Möglichkeit zu geben, sich bei den Bienen zu bedanken. So wanderten zum Schluss noch Samentüten (Bienenweide) und Sonnenblumenpflanzen in die Gabentasche. Mit all dem ging an diesem Tag jede und jeder reich beschenkt und erfüllt nach Hause.

Das Erdfest beschränkte sich für mich auf keinen Fall auf das Erleben der drei Tage und den Ort Dockweiler. Es war und ist weitaus mehr. Schon Wochen vorher waren wir acht Frauen und unsere Helfer im intensiven Kontakt und haben tatkräftig miteinander angepackt. Auch nach den Festtagen klingen die Musik, das Knacken der Abendlagerfeuer und innere und äußere Prozesse nach. Noch heute liegt ein Erdfesthauch in der Luft und ist in meinem Alltag zu spüren, wenn ich die Wirkorte und die ›Wirkstatt Dockweiler‹ besuche. Die Erdfestgedanken verlebendigen sich – nicht zuletzt mit Transition Vulkaneifel, was durch das Erdfest einen starken Impuls erhalten hat.

In tiefer Verbundenheit mit allen Mitwirkenden und Besucher*innen. Danke, dass es diese Initiative gibt.«

Tag 3
Nachlese von Marie-Rose Fritz

»Bei unserer Kreativ-Wanderung mit Land-Art hat mich am meisten die Freude und Leichtigkeit  berührt, die entstanden ist, dadurch, dass wir die Natur auf uns zukommen ließen um mit ihrem Überfluss und ihrer unglaublichen Schönheit in spielerisches Gestalten zu kommen.

Vom Glück erfüllt, dass so viele Menschen bereit waren, über diese drei Tage mit uns gemeinsam in eine tiefere Wahrnehmung der Eifellandschaft mit ihren Wunden und Schätzen einzutauchen, feierten wir am Sonntag mit Musik, Singen, Tanz und vegetarischem Essen. Ja, ich habe wirklich den Eindruck, dass wir uns miteinander und mit der Erde hier tiefer verbinden konnten.«

Eine weitere Reflexion
verfasst von Christel Utters, Initiatorin der Wirkstatt Eifel, Anfang August 2018

»Was wirkt in mir nach? Tage voller Leben, Aufbruch. Unmittelbar bevor wir im Januar von der Erdfest-Initiative erfuhren, hatte die Wirkstatt Eifel den Kreis ihrer Mitwirkenden erweitert. Das Erdfest schien eine gute Gelegenheit, im Ideen-Entwickeln und Gestalten unseren ›Miteinander-Test‹ anzugehen. Es folgte ein halbes Jahr voller Leben, Umbruch, Annähern, Hinfühlen, Auseinandersetzen, Missverständnissen, Verständnis, Distanz, Ideen entwickeln und verwerfen … Mitten rein bekamen wir ein Tipi geschenkt … Und dann kam auch noch der Kompost-Klo-Spleen! Ganz pragmatisch die Frage: Wie wollen wir mit unseren Hinterlassenschaften umgehen? Die Zeit wurde knapp, die Veranstaltungen waren noch nicht konkret genug geplant, die Beziehungen unter uns mitwirkenden Frauen oft mehr als angespannt.

Dann war es soweit: Am Vorabend starten wir ›unter uns‹. Wir meditieren, hören einander zu, später gesellen sich ein paar weitere Leute zu uns ans Feuer. Es war ist kalt an diesem Abend. Wir gehen mittlerweile sehr vorsichtig miteinander um. Die Tage vergehen, jedes Thema – Bergkraft/Bergabbau, Mensch und Bienen, Land Art, veganes Kochen, Fest feiern – zeigt, dass wir am Anfang unserer ›Erdfestigkeit‹ sind. Wir staunen über die Kraft des Miteinanders und ahnen die Stärke der Verbundenheit mit der Natur und dieser Erde (…) Dann sind die drei Erdfest-Tage vorüber … Ich bin froh, nach einem Tag Aufräumen dienstags einfach für eine Woche verschwinden zu können. Abstand gewinnen! Mich noch mal ganz unabhängig von den mir mittlerweile sehr vertraut gewordenen Frauen spüren, mal nur mir alleine zuhören.

Zurück zu Hause ist auch nach fünf Wochen der Alltag nicht wiedergefunden. Wir haben so etwas wie Sommerpause. In der Wirkstatt läuft nicht viel, unsere Lebensgemeinschaft beschäftigt sich mit der Transition-Town-Bewegung, schließt sich ihr an, was auch mit dem Erdfest zusammenhängt.

Mitte des Monats werden wir uns endlich zur Nachlese treffen! Acht Frauen, Erdfest und Wirkstatt, Beziehungen untereinander und die Frage: ›Was jetzt?‹. Ich bin gespannt! Vorfreudig! Was ich schon mal ahne: ›Alles ist mit alles verbunden, ich bin mit allen und allem verbunden‹. Was soll da noch ›schiefgehen‹?

Und übrigens: Das Tipi steht! Es gehört jetzt zu uns, der Lebensgemeinschaft, genauso wie das Kompostklo …«

Tag 1: Die charakteristischen Berge der Vulkaneifel werden immer rasanter industriell abgebaut. Der größte Teil der so geförderten Lavasande und des Basalts wird woanders im Straßenbau verbraucht. Foto: Lydia Schend
Tag 1: Die charakteristischen Berge der Vulkaneifel werden immer rasanter industriell abgebaut. Der größte Teil der so geförderten Lavasande und des Basalts wird woanders im Straßenbau verbraucht. Foto: Lydia Schend
Tag 2: Lebendiger Austausch im Kontakt mit Imker*innen, Bienen und der lebendigen Erde. Foto: Beate Hempel-Scholz
Tag 2: Lebendiger Austausch im Kontakt mit Imker*innen, Bienen und der lebendigen Erde. Foto: Beate Hempel-Scholz
Tag 2: Bienenschatzwanderung – Licht und Wärme, Imker*in Hannah Bicker (3.v.r.) und Gal Rothman (2.v.r.) beantworten Fragen. Foto: Beate Hempel-Scholz
Tag 2: Bienenschatzwanderung – Licht und Wärme, Imker*in Hannah Bicker (3.v.r.) und Gal Rothman (2.v.r.) beantworten Fragen. Foto: Beate Hempel-Scholz
Tag 2: Bienenschatzwanderung: Schon die Kleinsten gehen mit allen Sinnen in Verbindung. Foto: Beate Hempel-Scholz
Tag 2: Bienenschatzwanderung: Schon die Kleinsten gehen mit allen Sinnen in Verbindung. Foto: Beate Hempel-Scholz
Tag 3: Land-Art, entstanden bei der Kreativ-Wanderung. Foto: Marie-Rose Fritz
Tag 3: Land-Art, entstanden bei der Kreativ-Wanderung. Foto: Marie-Rose Fritz
Tag 3: Kreativ-Wanderung mit Land-Art. Foto: Marie-Rose Fritz
Tag 3: Kreativ-Wanderung mit Land-Art. Foto: Marie-Rose Fritz
Tag 3: Kulturelles Erbe neu beleben, so dem lebendigen Sein neu auf die Spur kommen. Foto: Wirkstatt Eifel
Tag 3: Kulturelles Erbe neu beleben, so dem lebendigen Sein neu auf die Spur kommen. Foto: Wirkstatt Eifel
Tag 3: einander sehen, einander zuhören, miteinander erdfest sein. Foto: Wirkstatt Eifel
Tag 3: einander sehen, einander zuhören, miteinander erdfest sein. Foto: Wirkstatt Eifel