Martin Klitsch und Iris Bein: erstes Erdfest in Lübeck

Aus der unmittelbaren Naturerfahrung lässt sich die Frage der Beziehung, Intensität, Beschneidung und des Eindringens in den Lebensraum der Fauna und Flora wunderbar besprechen. Foto: Martin Klitsch

Der Platz befindet sich im Naturschutzgebiet Lauerholz/Wesloe in Lübeck. Zu der Idee, unser Erdfest in einer kleinen Gruppe einander vertrauter Menschen zu begehen, passt die geschützte Lichtung am Waldesrand. Mittendrin in einem von Menschenhand geschaffenen Saum zwischen Wald und Wiese. Uns als Initiator*innen ist es wichtig, tatsächlich kein klassisches Veranstaltungsprogramm zu organisieren. Obwohl in unserer kleinen Gruppe alle fachlich eine hohe Kompetenz aufweisen und gewohnt sind,Gruppen anzuleiten. Unsere Absicht war es, in einen direkten Austausch über unsere Sinneswahrnehmungen zu treten. Fernab einer Wissensvermittlung, die zu sehr von einer Person ausgeht und die Eigenaktivitäten des lebendigen Wahrnehmens nicht sonderlich anregt.

Ich bin ein Weilchen früher auf der Waldwiese, suche ein Naturding aus der unmittelbaren Umgebung als Redegegenstand. Im Dickicht erspähe ich einen duftenden Tannenzapfen. Allmählich finden sich die lieben Menschen ein. Iris gestaltet die Mitte mit einem roten Tuch, einer Feder und Räucherwerk. Zu Beginn der Zusammenkunft sammeln wir uns durch einige Qigong-Formen. Dadurch fällt es uns leichter, uns mit der Naturdynamik vor Ort und den elementaren Kräften zu verbinden. Nun startet die Befindlichkeitsrunde mit dem Fragefokus »Was macht mich lebendig?«  

Das Räuchern mit den Kräutern aus dem Wald, der Duft aus Wacholder, Salbei und Harzen lässt den Atem ruhiger werden. Lebendigsein hat für mich in dieser Phase des Zusammenseins vor allem mit dem Gefühl zu tun, bei mir anzukommen. Das spüre ich heute daran, dass mich der Räucherduft besonders erdet und in eine spürende Naturlangsamkeit versetzt. Iris hat die Idee, dass wir verstärkt in den Geist oder, je nach Belieben, in die Energie des Ortes hinein spüren. Mein Blick wandert in Richtung der Baumwipfel, welche mit der Kraft des Windes im uralten Rhythmus hin- und her schwingen. Meine Ohren werden angezogen vom Rauschen der Bäume und der Weite des Himmels. Eine Mischung aus grenzenloser Freiheit und zugleich ein unheimliches Gefühl von Verlorenheit auf der riesigen Wiese. Es entsteht der Impuls, ein geschütztes Nest, eine Nische und einen Ort der Verwurzelung zu suchen. Wo anders als in der Natur können wir sonst noch diese eher gegensätzlichen Bewegungsimpulse so sanft und friedlich miteinander vereinigen, frage ich mich?

Wo finde ich den Platz, an dem ich jetzt Wurzeln schlagen kann und die Energie des Ortes mich umweht? Der Blick fällt auf eine Wildschweinspur, die ins Dickicht führt. Lieber nicht dahin, bloß nicht die wilden Tiere stören, denke ich. Zum Glück zeigt sich eine verdeckte Öffnung, eine Schwelle, die in den Wald führt, in Form von zwei sich verbindenden Eichenblätterzweigen. Diese werden durch das Geschick des Windes miteinander verzahnt, und plötzlich geben sie den Weg frei. Ich staune, wie der Wind mühelos die Zweige verbinden und trennen kann. Die Blätterschranke gibt die Öffnung erst frei, nachdem Thomas, der ebenfalls den Weg gegangen ist, hinaustritt. Es scheint mir, dass nur ein Mensch diesen Weg betreten sollte. Wirkt die Kraft des Ortes bereits im Verhalten des Windes? … Der Weg führt mich an einen Nadelbaum. Hier am Fuße des Baumes fühle ich mich wohl, kann ausruhen und verdauen. Ich spüre, dass mein Magen nur die Hälfte des mitgebrachten Honigbrotes verdauen kann und lege die andere Hälfte, mit einem Schmunzeln im Gesicht, auf einen Wurzelstrang, quasi als Opfergabe fürs Hiersein-Dürfen.

Bald darauf ertönt der Gong, und wir sammeln uns zur Austauschrunde um unsere Mitte. Nach einer Weile wird die Baummeditation angestimmt. Wir lauschen, welcher Baum uns wohl rufen mag und strömen aus. Visuell zieht mich eine lichtdurchflutete erhabene Eiche am Wegesrand an. Nach einer Weile entsteht in mir der Impuls, einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Ich suche einen neuen Blickwinkel zur Eiche, schaffe mehr Distanz, als ob sie mir sagen würde, »bleib auf Abstand zu mir, Mensch!« Dabei fällt meine Aufmerksamkeit auf eine kleine Nische, ein Gebüsch, dann einen Knick, hinter dem sich auf der Rinde eines kleinen Ahorns das Bild des Baumgeistes abzeichnet.

Der Baum zeigt mir sein entspanntes Gesicht. Unten ein bemooster Wurzelsaum, gleichsam wie ein grüner Bart. Ich frage mich, ob ich mir mal einen Bart wachsen lassen und diesen dann grün färben sollte. Damit alle Welt weiß, dass ich ein Mensch des Waldes bin.
Der Baum bleibt stumm. Also nehme ich dieses Verhalten zum Anlass, auch innezuhalten, ruhig zu werden und mir einen grünen Bart wachsen zu lassen…

Einen Moment später werde ich abgelenkt durch mich umschwirrende Mücken. Die Mücken verbinden mich durch ihr zartes Piksen wieder intensiver mit meiner Körperlichkeit und dem Hier-und-Jetzt. Diese kleinen Helfertiere machen mich wach. »Danke, ihr Mücken!«, entfährt es mir. Ich spüre, dass die Stiche der Mücken nicht tief sind, sondern eher wie ein kurzes, flüchtiges Stippen. Anders als im Spätsommer. Vielleicht weil sie sich dann noch mal kräftig vollsaugen müssen?

Jetzt ist es an der Zeit die Trommel zu rühren, um damit ein Signal der Sammlung zu geben. Als ich aufstehe, saust eine freche Mücke direkt in mein rechtes Nasenloch, und das ist dann selbst mir zu viel. Intensität in der Verbindung, warum nicht? Eindringen in meine Nasenöffnung, nein danke!

Interessant ist, dass die unterschiedlichsten Facetten des Eindringens später im Austausch wieder ein Thema sind, weil wir Menschen ja oft hemmungslos und ungefragt in den Lebensraum des Waldes und der Tiere eindringen. Aus der unmittelbaren Naturerfahrung lässt sich die Frage der Beziehung, Intensität, Beschneidung und des Eindringens in den Lebensraum der Fauna und Flora wunderbar besprechen. Durch ein Wahrnehmen und Reflektieren der Begegnungsdynamik zwischen Mensch und Tier oder zwischen Tier und Pflanze. Wie erkenntnisreich kann beispielsweise die Reflexion sein, wenn ich lebendig mit allen Sinnen wahrnehme, wie sich eine Biene verbindet, indem sie tief in die Blüte eindringt.

Wir haben uns beim Erdfest 2020 viel Zeit genommen für den Austausch im Kontext der Natur. Ohne jegliche Deutungshoheit und ohne Bewertungsanspruch. Einfach aus der Aktivität des lebendigen Wahrnehmens, schöpfend und spiegelnd, mitfühlend und mitleidend.
Zum Ausklang stimmte Sarah ein Lied an und wir tanzten dazu (»Das Rad des Lebens dreht sich, und das Sonnenfeuer hebt sich ...«).

Zu guter Letzt haben wir aus den Kräutern des Waldes einen superschönen Salat gezaubert und ihn gemeinsam genossen.

Martin Klitsch

Zu guter Letzt haben wir aus den Kräutern des Waldes einen superschönen Salat gezaubert und ihn gemeinsam genossen. Foto: Martin Klitsch