Biologische Vielfalt heißt Beziehungsfähigkeit

Seit dem UN-Weltgipfel 1992 in Rio de Janeiro wird die Bedeutung von Bewusstseinsbildung im Natur- und Umweltschutz erkannt, was sich insbesondere in Artikel 13 der Konvention für biologische Vielfalt niederschlägt. Zur Umsetzung dessen beschloss die Bundesregierung in Deutschland 2007 die Nationale Strategie für biologische Vielfalt (NBS). Für die ERDFEST-Initiative ist Kapitel B5 der NBS zum Gesellschaftlichen Bewusstsein relevant. Dort wird als Ziel benannt, im Jahr 2015 solle für mindestens 75 Prozent der Bevölkerung die Erhaltung der biologischen Vielfalt zu den prioritären Aufgaben zählen.

Aus den »Naturbewusstseinsstudien«, die das Bundesamt für Naturschutz (BfN) seit 2009 im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit als repräsentative Bevölkerungsbefragung zur Einstellung der Deutschen zu Natur und biologischer Vielfalt erarbeitet, geht hervor, dass das in Kapitel B5 der NBS genannte Ziel nicht erreicht worden ist: Ein den Kriterien entsprechendes hohes Bewusstsein für biologische Vielfalt kann lediglich bei etwa jedem vierten Deutschen konstatiert werden. Das ist weit von den anvisierten 75 Prozent entfernt.

Mithin kommt trotz vielfältiger Anstrengungen eine Trendwende bei der Gefährdung der biologischen Vielfalt in Deutschland bisher nur langsam voran. Ähnliches gilt für das, was der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung zu Globalen Umweltfragen (WBGU) in seinem Hauptgutachten von 2011 die nachhaltigkeitsorientierte »Große Transformation« nennt.

Sowohl die »Naturbewusstseinsstudie 2015« des BfN als auch die Gutachten des WBGU lassen zweierlei erkennen:
1.    Es gilt, die Kommunikation von Naturbewusstsein generell zu verstärken, wobei immer wieder auch nach innovativen Formen zu suchen ist, die einer zunehmend digitalisierten, technologisierten und verstädterten Lebenswelt Rechnung tragen.
2.    Zur Förderung von Naturbewusstsein und von nachhaltigkeitsorientiertem Handeln kommt es darauf an, mehr als bisher zielgruppenspezifisch in Interaktion mit der Bevölkerung zu treten. Auch das BMUB-Handlungsprogramm »Naturschutz-Offensive 2020« lädt alle gesellschaftlichen Akteure ein, »mit eigenen Initiativen das Handlungsprogramm zu flankieren und eigene Schwerpunkte zu setzen«.  

Die eigene Beziehungsfähigkeit stärken, um die schwindenden Beziehungen innerhalb der lebendigen Welt (biologische Vielfalt) zu bewahren
Hier knüpft die ERDFEST-Initiative an. Charakteristisch dabei ist: Zusätzlich zu diskursiver Kommunikation und kognitivem Wissen generiert diese Initiative auch Erfahrungswissen, das auf emotionaler Ebene neu Beziehungen zur lebendigen Natur schafft. Dies trägt Erkenntnissen der Psychologie Rechnung, wonach für Verhaltensänderungen kognitives Wissen nicht genügt, sondern emotionale Bezüge entscheidend sind. In einer Welt, die an Beziehungslosigkeit und Beziehungsschwund leidet, unterstützt ERDFEST ein bewusstes In-Beziehung-Treten als zentrale Strategie für das Schaffen von Naturbewusstsein und für eine nachhaltigkeitsorientierte Lebenspraxis. Diese Beziehungsfähigkeit ist Voraussetzung, ein fruchtbarer Partner im Gewebe biologischer Beziehungen, der Biodiversität, zu sein.

Im Juli 2018 erklärte das BfN als Förderer der ERDFEST-Initiative in einer gemeinsamen Presseerklärung im Kontext der  jüngsten Naturbewusstseinsstudie 2017: Die vom BfN geförderte ERDFEST-Initiative ist ein wichtiger Baustein des Perspektivwechsels im Naturschutzhandeln. Sie macht die Wechselseitigkeit zwischen Mensch und natürlicher Mitwelt direkt erlebbar und öffnet neue Erfahrungs- und Handlungsfelder für eine gemeinschaftliche ökologische Wirksamkeit.